Bitch, please….

Bitch, please….

Langsam wird’s lächerlich.
Aber so richtig.

Ich habe in den letzten Wochen einige alte Schulfreunde aus der gesamten Republik bei Facebook wiedergefunden – die Freude war groß, man tauschte sich aus.
NATÜRLICH sind sie alle schwanger, die Guten.
Is klar.
Ich weiss echt nicht, was da momentan los ist… der Winter war doch eigentlich recht mild?!
Wie in meinem vorletzten Post schon berichtet, weiß ich eigentlich selber nicht WAS GENAU mich daran stört – ich habe schließlich eine bezaubernde, bildhübsche Tochter und dürfte eigentlich dank ihres Temperamentes nicht mal die Zeit dazu haben, Anstoß an Ereignissen aus anderer Leutes Leben zu finden.

Eigentlich.

Und dann kam Frollein Rottenmeier.

„Frollein Rottenmeier“ ist meine Schwägerin.
Ich kann sie seit unserer ersten Begegnung auf den Tod nicht ausstehen.
Frollein Rottenmeier ist 4 Jahre älter als ich, Grundschullehrerin und grundsätzlich IMMERIMMERIMMERIMMERIMMER die wichtigste Person.
Im Raum.
Im Ort.
Auf der ganzen, großen, weiten Welt.
Sie vergreift sich gerne mal im Ton; ich habe mich aber all die Jahre zusammengerissen und die Treffen sowie die zahllosen Unverschämtheiten zähneknirschend über mich ergehen lassen – des lieben Frieden willens.
Wie das Leben manchmal so spielt, hat es etwas länger gedauert, bis Frollein Rottenmeier eine verbeamtete Stelle bekommen hat (ein Schelm, wer böses dabei denkt…) und die Kinderplanung dann endlich in das perfekte, hübsche, RolfBenz-Becouchte Leben der Frollein Rottenmeier passte.
Im Nachhinein muss „DER ZEITPUNKT“ etwa um die selbe Zeit gewesen sein, als der Düsenmann und ich schon mitten drin im Kinderwunschzirkus steckten.
Der Düsenmann und ich sind ja innerhalb der Familie immer offen mit unserem Problemchen umgegangen.
Wir wollten kein Mitleid, wir wollten einfach nur reden und vorbeugen irgendwann 10 Mal am Tag augenzwinkernder Weise gefragt zu werden, ob wir denn wüssten, wie das so funktioniert mit dem Kinderkriegen.
Frollein Rottenmeier war also voll im Bilde über Spritzen, Tränen und Hoffnungslosigkeit.

Frollein Rottenmeier besaß schon seit jeher ein ausgeprägtes Talent dafür, die falschen Worte zur falschen Zeit zu finden.
So erzählte sie munter von ihren vielen Freundinnen, die allesamt schwanger waren, während ich mir gerade auf dem Klo die x-te Spritze in den Bauch gejagt hatte und mit den Tränen kämpfte.
Selbst als mein Mann, mit einem Seitenblick auf mein gequältes Grinsen und winkenderweise mit einer ganzen Batterie von Zäunen, das Gespräch mit einem: „Ist jetzt gerade nicht so passend“ in andere Bahnen lenken wollte, fuhr sie unbeirrt fort.
Feinfühlig durch und durch.

Bis zu dem Tag, als ich endlich, endlich, endlich, endlich meinen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten durfte.
Da war auf einmal Schluss mit Heititei rund ums Thema Schwangerschaft.
Weil es sich so standesgemäß gehört, rief sie mich kurz und unverbindlich an, um mir die herzlichsten Glückwünsche zur Schwangerschaft auszusprechen.
Ich bedankte mich und erzählte ihr noch von meiner Angst, dass etwas schiefgeht.
Dann hörten wir länger nichts voneinander.

Ich muss circa in der 13. Woche gewesen sein und somit kurz nach dem ersten „Aufatmen“ dass mein Baby noch immer genau da saß, wo es sitzen sollte, als wir das nächste Mal aufeinandertrafen. Es war Ostern.
Meine Schwiegermutter hatte zum von mir verhassten „schönen Osteressen“ geladen.
Ich und Herr Düse, Frollein Rottenmeier plus Devo. (Ihr Angetrauter; ich nenne ihn hier mal Devo; weil ich in meinem ganzenganzenganzen Leben noch nie einen Menschen getroffen habe, der devoter ist als er. Jemand mit einem anderen Charakterzug wäre auch nach spätestens 20 Sekunden mit dieser Frau schreiend davon gelaufen. Aber wirklich allerspätestens.)

Wir trafen also aufeinander.
Ich fing zu dem Zeitpunkt also gerade gaaaaaaaaaaaanz langsam an, mich zu trauen, über die Schwangerschaft zu freuen.
Wir hatten ein aktuelles Ultraschallbild dabei, das mein ganzer Stolz war. (Auf dem sah unsere Tiffy nämlich das erste Mal aus wie ein Baby statt wie ein Punkt)
Wir zeigten es natürlich.
Als es bei Frollein Rottenmeier gelandet war, guckte sie es verächtlich von der Seite an, rümpfte die Nase und schmiss es dann lässig aus der Hand auf den Couchtisch.
Da musste ich schon das erste Mal schlucken, atmete aber „des lieben Frieden willens“ meine Verärgerung runter.

Im Laufe des Abends jedoch zog Frollein Rottenmeier eine astreine Show ab.
Meine Schwiegermutter servierte rosa Fleisch, was ich dankend ablehnte. (Und ich erwähnte nicht mal warum, sondern sagte einfach nur: Nein, Danke)
Frollein Rottenmeiers Kommentar dazu war: „Wir wollen ja auch nicht, dass Du zu fett wirst.“

WTF???
Ich lachte und sagte „Dankeschön, dass ist sehr aufmerksam von euch.“
– und schluckte den großen Kloß, den ich im Hals hatte, einfach runter.
Die Stimmung fiel mit jeder Minute dem Gefrierpunkt näher entgegen.

Nächstes Thema.
Wir erzählten, dass wir noch einmal in den Urlaub fahren wollten.
Einfach so.
Urlaub.
Die Antwort darauf: „Hältst Du das denn überhaupt aus ohne 10 Mal zum Ultraschall zu rennen?“
Ich (lachenderweise): „Mmh… wird schwer. Ich hatte schon überlegt, meinen Arzt mitzunehmen, aber bisher weigert er sich.“

Aber irgendwie war mir gar nicht zum Lachen zumute.
Ich ging aufs Klo und musste kurz weinen.
Mein Mann und meine Schwiegermutter wollten wohl nichts mitbekommen (im Nachhinein hat das angeblich keiner von beiden mitbekommen; meine Schwiegermutter bestreitet heute sogar, überhaupt anwesend gewesen zu sein); von Devo hätte ich sowieso in 1000 Jahren keine Unterstützung erwarten können. Der darf Frollein Rottenmeier ja keine Widerworte geben.

Sofort nach dem Dessert bat ich meinen Mann, nach Hause zu fahren.
Ich war „müde.“
Die gesamte Rückfahrt und die 2 Tage danach heulte ich fast durchgehend.
Warumwarumwarumwarum kann man sich nicht einmal mit mir Freuen?
Es wussten doch alle, wie sehr ich gelitten habe auf dem Weg zu meinen 2 Streifen?
Ich verstand die Welt nicht mehr.
Noch in der Nacht nach dem Essen schwor ich mir, dass es mir jetzt an Unverschämtheiten seitens Frollein Rottenmeier reicht und ich zukünftig allen „gemeinsamen“ Aktivitäten nicht mehr beiwohnen würde.

Meine Schwiegermutter hielt sich in gewohnter Manier aus allem raus.
Sie sagte zwar: „Ja, das war unverschämt von Frollein Rottenmeier“ – 2 Tage später konnte sie sich aber schon an den ganzen Abend nicht mehr erinnern.
Es wurde, wie es in der Familie meines Mannes so üblich ist, unter den Tisch gekehrt.

Ich allerdings stamme aus einer anderen Familie.

Zu meinem Geburtstag wollte Frolllein Rottenmeier mich anrufen; ich drückte sie weg.
Sie versuchte es noch 30 Mal.
Also rief sie bei meiner Schwiegermutter an, weil sie wusste, dass wir dort zum Kaffee waren.
Meine Schwiegermutter sagte ihr: „Frollein Rottenmeier, die Düse möchte nicht mit dir sprechen. Die hat keinen Bedarf momentan.“

Danach hörten wir nichts mehr von ihr.
Sie fragte nicht bei meinem Mann was los ist, sie meldete sich einfach gar nicht mehr.
Ich konnte damit sehr gut leben.
Trotzdem schwirrte es während meiner gesamten Schwangerschaft durch meinen Kopf; wie gesagt – ich vergesse nicht, wenn man mir wehtut.

Das nächste, was wir von ihr hörten, war über meine Schwiegermutter.
„Der Devo ist schwerkrank.“
– Watt?
„Jaaa… Der Devo hat vielleicht Hodenkrebs.“
– Watt?
„Ja, der hat irgendwie keine Spermien. Und das kann Hodenkrebs sein.“
– Achso. Also ist es nichts. Vermutlich hat er eine Erkältung.
Das mag hier jetzt vielleicht komisch und herzlos klingen.
Aber wir kennen Frollein Rottenmeier ja schon etwas länger und kennen ihren Hang zum Übertreiben.
Einfach nur, um im Mittelpunkt zu stehen.
Drama, Baby, Drama.

Auf jeden Fall könne die Frollein Rottenmeier und der Devo keine eigenen Kinder bekommen.
Niemalsnie.
Falls der Devo überhaupt die nächsten 3 Wochen überlebt.
Ich lächelte damals schon und sagte: „Mmmh. Das glaube ich erst auf dem Sterbebett.“

1 Woche später Entwarnung; der Devo hatte natürlich keinen Hodenkrebs.
Aber da sie ja jetzt mit ihrer Kinderplanung abgeschlossen haben, haben sie sich einen Hund gekauft.
„Klaus…. – aber Klaus englisch ausgesprochen!“
Scheiße, man.
Wo bin ich hier eigentlich gelandet??
Wir drehten mit den Augen und baten meine Schwiegermutter, uns doch bitte künftig von den Lach- und Sachgeschichten rund um Familie Rottenmeier zu verschonen.

Zur Geburt von Tiffy schrieb mein Mann Frollein Rottenmeier eine SMS, dass Tiffy jetzt auf der Welt sei.
Als Antwort kam: „Herzlichen Glückwunsch. Ich bin schon etwas enttäuscht, dass Du mir das nicht persönlich sagst.“
WTF????????????????
Wenns nach mir gegangen wäre, hätte sie gar nichts bekommen. Bitch.
Nachdem Tiffy ein paar Wochen auf der Welt war, verstarb der Opa meines Mannes.
Mein Mann und seine Schwester trafen auf der Beerdigung das erste Mal wieder aufeinander; ich blieb aus Respekt seines Opas gegenüber zu Hause.
Ich finde, eine Beerdigung ist nicht der geeignete Rahmen, um ein neues Familienmitglied einzuführen.
Frollein Rottenmeier brachte Klaus mit zur Beerdigung.

Frollein Rottenmeier tat gegenüber ihrem Bruder so, als wäre nie etwas gewesen.
Für sie war alles in Ordnung.
Sie äußerte aber weder den Wunsch, Tiffy kennenzulernen, noch hakte sie mal nach, was denn gewesen ist.

Ein paar Wochen später rief mein Mann bei seiner Mutter an und Frollein Rottenmeier, die dort zu Besuch war, nahm das Telefonat entgegen.
Er brachte das Thema noch einmal auf den Tisch… Und das Gespräch endete damit, dass sie damit rausrückte, dass sie auch schon länger versuchen, ein Kind zu bekommen aber der Devo ja ein „taubes Nüsschen“ hätte.
Mein Mann sagte, dass ihm das ja furchtbar leid täte, aber man das als Außenstehender ja nicht an seinem fahlen Teint erkennen könne.
Wer spricht, dem werde geholfen.
Entweder man erzählt, was sein Problem ist und erntet dann vielleicht Verständnis für die ein- oder andere verbale Entgleisung oder man benimmt sich so, als wäre nichts.
(Mal abgesehen davon habe ICH das geschafft. In der ganzen beschissenen Kinderwunschzeit. Ich habe mich für jede „Neuschwangere“ gefreut und erst hinter verschlossenen Tür geheult und getobt. So viel Contenance kann man auch erwarten, finde ich.) Mein Mann erklärte ihr, dass wir eigentlich auf eine Entschuldigung für ihr Verhalten (damals… beim Osteressen) warteten.
Sie wisse nicht wofür sie sich entschuldigen soll.
Das Gespräch endete.
Der Kontakt ebenso.

Vor 2 Wochen bekam mein Mann dann eine SMS von Frollein Rottenmeier.
Sie hätte von ihrer Mutter ein Video von Tiffy zu sehen bekommen.
Und wir können froh und stolz sein, so eine süße Tochter zu haben.
Da ist was foul, dachte ich.

Gestern war meine Schwiegermutter bei uns.
Am Abend, als sie gegangen war, erzählte mein Mann mir, warum sie so schnell das Thema gewechselt hat, als ich zur Tür reinkam.

Frollein Rottenmeier ist schwanger.

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… Und dabei ist das noch nicht mal mein Sterbebett.

 

Diese Nachricht traf mich irgendwie ganz besonders.
Ich habe geglaubt, es herrsche EINMAL Gerechtigkeit auf dieser Welt.
Nein, ich gönne es ihr nicht für 5 Pfennig.
Ja, ich hätte ihr gewünscht, dass sie da liegen bleiben muss, wo sie es sich doch offensichtlich gerade so bequem gemacht hat.
Und das, obwohl ich wirklich niemanden, der ungewollt kinderlos bleibt, so etwas wünsche.
Ich weiß ja, wie schlimm sie Hoffnungslosigkeit anfühlt.
Am allermeisten trifft mich, dass dieses ganze Theater ums „NIEMALS NIENIENIENIE Kinderkriegen“ wieder einmal einfach nur Show war.
Wir hatten auch keinen einfachen Weg.
Aber NIEMALS hätte einer von uns so „übertrieben“, nur um sich möglichst dramatisch in den Mittelpunkt zu stellen und sein absolut idiotisches und unangebrachtes Verhalten zu entschuldigen.
Jetzt wird sie den Kontakt wieder suchen.
Jetzt ist ja alles in Ordnung.
Sie steht ja jetzt im Fokus.

Aber dieses Mal ohne mich.

 

 

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Bild: Pixabay.com