Zeiten ändern sich

Zeiten ändern sich

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Mein Brötchengeber ist doof.
Ein bisschen Umstrukturierung hier, ein bisschen von-links-nach-rechts-Geschiebe da, die Wurzel von 30 mal 7 zum Quadrat ergibt: Wir brauchen Geld.
Irgendwie scheint die sprudelnde Geldquelle, der unentdeckte Plan des schier endlosem Reichtums, der streng geheime rote Knopf der zu sein, seine Mitarbeiter zu versetzen.

Mir im ersten Moment egal; ich bin für jeden Scheiß zu haben.
Wenn ich nach der Elternzeit wieder anfange, dann eh nur auf minimaler Teilzeit und ob ich jetzt 8 (Stand: jetzt) oder 100 (das wäre dann mein neuer Einsatzort) Kilometer zum Flughafen fahre, macht mir bei den wenigen Einsätzen eigentlich nicht wirklich etwas aus.

Anders allerdings meinen Kollegen/-innen.
Die haben teilweise gerade gebaut, sind hier familiär und im Freundeskreis fest verwurzelt und wollen auf keinen Fall umziehen.
Mit einem Vollzeit-Dienstplan fährt man das Ganze nämlich nicht.
Es sei denn, man hat…
a) einen Chauffeur
b) unbegrenzten Zugang zu wachhaltenden (und hochgradig illegalen) Substanzen
oder
c) einen völligen Dachschaden.

Innerhalb von 24 Stunden haben mir jetzt 2 meiner Lieblings-Kolleginnen, mit denen ich auch privat eng verbunden bin, gesagt, dass sie gekündigt haben.
Ich bin traurig.
Ich muss daran denken, wie eine der beiden mich nach der Entbindung im Krankenhaus besucht hat und mir eine Karte mit einem Flugzeug drauf mitgebracht hat. Hinten hatte sie handschriftlich notiert: „Als Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit..“
Ich habe mir damals gedacht: „Häääääää? Ist doch gar nicht vorbei. Ich komme doch nach der Elternzeit wieder – ich habe doch nicht gekündigt.“
Denkste.
Du naives, hormonverstrahltes Ding.

Wieder einmal wird mir bewusst, dass wohl nichts mehr so sein wird, wie es mal war.
Die Zeit rennt und rennt und rennt und die Welt dreht sich immer schneller und schneller.
Ich erwische mich immer öfter bei dem Gedanken, doch nicht so schnell aus der Elternzeit wiederzukommen.
Vielleicht sogar doch direkt ein 2. Wunder probieren…..?

Zeiten ändern sich.

Mädels, vielen Dank für die tollen Jahre, die wir gemeinsam verbracht haben.
Es war mir ein Fest. ❤

… Und alle so Yeah

Passend zu meiner doch noch recht präsenten Post-Nullungs-Depression bekomme ich urplötzlich lauter Schwangerschaftsmeldungen aus meinem Freundeskreis. Man könnte meinen, der Plumpsack wäre wieder rumgegangen. Allerdings ohne den Buckel vollzumachen, sondern…. Nun gut.

Meine alten Schulfreundin (nennen wir sie hier der Einfachheit halber „Oops“) zum Beispiel.
Oops war schon immer leicht verpeilt, ist in jedes Fettnäpfchen getreten, dass im Radius von 100km um sie herum stand (manchmal ist sie sogar einen riesen Umweg gelaufen, nur um ganz sicher zu gehen, dass sie auch wirklich reintritt) und hatte auch nie einen wirklichen Plan davon, wie ihr Leben einmal aussehen sollte.
Heute München, morgen Berlin, übermorgen werweissdasschonsogenau.
Oops wusste nur eins ziemlich sicher: Kinder??
Nä. Nicht ihr Ding.
Von Oops bekam ich zum Geburtstag eine Facebook Mail.
Weil Oops ihr IPhone mal wieder irgendwo verloren hatte.
„Typisch“ lachte ich.
Oops schrieb mir, dass sie kurz vorm Platzen ist und im August eine kleine Tochter bekommt.
Ich freue mich, weil da draussen wieder ein neues Leben anfängt, weil ein Wunder passiert ist und dieses Wunder noch viel, viel größer werden wird.
Aber irgendwo… ganz hinten, in der hintersten Ecke, fängt es an, bitter zu schmecken.
Weil Oops eben ein „Oops“ passiert ist und ja eigentlich gar nicht…. Ich schlucke es aber ganz schnell runter und freue mich für Oops.

Keine Stunde dazwischen liegt eine Whatsapp von einer Kollegin.
Nennen wir sie hier Kitty.
Kitty ist ein richtiges Mädchen. Kitty sehnt sich nach der großen Walt-Disney-Liebe, seit sie denken kann, wünscht sich nichts sehnlicher als zu heiraten und ein Baby zu bekommen, dass sie umsorgen und mit Liebe überschütten kann.
Kitty braucht eine ABBF, mit der sie all die kleinen und großen Sorgen und Nöte teilen kann.
Kitty will den Kleinmädchentraum leben.
Leider hat Kitty sich in der Vergangenheit aber zielsicher immer genau DIE Männer ausgesucht, die zwar heiraten wollten, aber nicht Kitty, sondern ihren Job.
So schug Kitty sich durch die Männerwelt – hoffte („Dieses Mal ist es der Richtige!“) und weinte („Nie wieder jemanden aus der Firma!!!“). Das letzte, was ich von Kitty gehört habe, war dass sie umgezogen ist, die Station gewechselt hat und sich eine neue Tapete zugelegt hat.
Das war zur Geburt von Tiffy.
Also keine 8 Monate her.
Kitty gratulierte mir also zum Geburtstag und schloss die Whatsapp mit den Worten: „Ich werde im Oktober auch Mami!“.
WTF????? Wie geht dass denn bitte?
Die neue Tapete scheint anscheinend wild entschlossen, Kitty die Sterne vom Himmel zu holen und nach einem halben Jahr Beziehung beschließen die beiden, ein Baby zu bekommen und nach einem knappen Jahr wird geheiratet.
Da hat Kitty anscheinend ihren Kater gefunden.
Der Kater ist übrigens wieder jemand aus der Firma.
MIAAAAAUUUUU.

Die größte „Überraschung“ allerdings wartete (ebenfalls) in Form einer Facebook-Nachricht auf mich. Mein Exfreund.
Nennen wir ihn Ludwig.
Ludwig, weil ich den Namen ziemlich furchtbar finde und außerdem, weil er sowas von überhaupt nicht zu ihm passt.
Immerhin eine klitzekleine, wenn auch zugegebenermaßen sehr profane, Genugtuung.
Ludwig war meine erste große Liebe.
Ich lernte Ludwig kennen und lieben im zarten Alter von 15 Jahren und unsere Liebe endete 5 Jahre später in Gestalt einer blonden Hafennutte Arbeitskollegin.
Ja, ich verbrachte meine ganze Jugend mit Ludwig.
Ich schwebte auf Wolke 7 und fühlte mich so erwachsen, so frei.
Noch nie hat ein Mensch einen anderen Menschen so geliebt wie ich meinen Ludwig.
Wir waren Seelenverwandt.
Für einander bestimmt.
Das alles dachte ich auch noch, als er mich das 3. Mal verließ um sich „ein bisschen auszuleben“.
Er wusste ja schließlich, dass er zu mir gehört.
Er kam ja immer wieder.
Nach dem 4. Mal kam er nicht wieder.
Auf einem Betriebsausflug war er einer Kollegin nähergekommen und außerdem wollte er sich auch nicht wirklich binden.
Was dann folgte, war das größte Drama seit Menschenbestehen.
Wenn ich sage „der schlimmste Liebeskummer, den die Welt je erlebt hat“, dann untertreibe ich maßlos.
Ich wollte sterben.
Ich habe wochenlang nur geweint.
Als ich irgendwann aufgehört hatte zu weinen und mich gerade halbwegs gefangen hatte, traf ich ihn irgendwo zufällig wieder und ich fing wieder an, zu weinen.
To make a Long story short: Es war der Kreuzzug der Finsternis und ich habe lange Zeit und viele, viele Cuba Libres gebraucht, um darüber hinwegzukommen.
Natürlich war ich mir sicher, dass ich nienienienienieniewieder einen Menschen finde, der sooooo toll ist, mit dem ich sooo viel gemeinsam habe und den ich soooooo lieben werde.
Und ich habe Recht behalten.
Ich hab nämlich einen viel besseren bekommen.
Danke, Ludwig.
Die Jahre danach hielten Ludwig und ich dennoch immer Kontakt.
Das durfte seine Freundin zwar nicht wissen (es gibt Dinge, die ändern sich halt nie….) aber wir fanden, dass man sich doch zu gut kennt, um sich fortan nicht mehr zu kennen.
Ludwig, der Bindungsphobiker, der sich nach der ellenlangen Beziehung mit mir erstmal „richtig ausleben“ wollte, weil er „kein Typ für eine feste Bindung“ sei, wird also Vater. (Allerdings erst in SSW 9… aber wie war das? „Das Glück ist mit die….. !?“)
Von besagter Arbeitskollegin.
Mit der er jetzt seit 11 Jahren zusammen ist.
Ich hoffe, sie wird so richtig, richtig, richtig fett.

Diese Lawine der frohen Erwartungen überrollte mich also an meinem 30. Geburtstag.
Ich kann das Gefühl gar nicht in Worte fassen.
Wenn jemand aus meinem Bekanntenkreis heiratet, freue ich mich wie Bolle und denke nicht automatisch wehmütig an meine eigene Hochzeit zurück. Eher freudig.
Wenn mir allerdings jemand erzählt, dass er oder (betreffenderweise) sie schwanger ist, empfinde ich eine Mischung aus Traurigkeit, Wehmut und einem klitzekleinen bisschen Neid.

Warum?

Keine Ahnung.
Meine Hochzeit war auch ein wunderwunderwunderwunderschöner Tag.
Ich habe den Mann, den ich über alles liebe, geheiratet und alles war perfekt.
Aber der Moment, als ich meine Tochter, auf die ich so lange mein Leben lang gewartet habe, das erste Mal gesehen habe, toppt alles bisher dagewesene.
Ich wurde von einer Sekunde auf die nächste Vollblut-Mama, die Gefühle kamen von 0 auf 100 und es war wirklich das allerallerallerallerschönste, was ich jemals in meinem Leben erlebt habe. Ich denke oft wehmütig daran zurück und spule ihn immer und immer wieder vor meinem geistigen Auge ab.
Ich kann dieses Wunder bis heute nicht fassen.

Vielleicht liegt es also,

a) daran, dass ich mir schon seitdem ich denken kann, eigene Kinder wünsche. Ich war schon immer total Babyverrückt und wollte immerimmerimmerimmer früh Mama werden. (Das es eher „spät“ wurde habe ich letztlich Herrn Düse und den Hormonen und meinen unkooperativen Eileitern zu verdanken…) Vielzitiert auch meine Antwort auf die Frage von meinem Kinderarzt: „Und, was willst Du später mal werden?“ – „Wie Mama.“ Ich war damals 4 Jahre alt.

b) daran, dass ich so einen scheissverdammtbeschissenen steinigen Weg hatte, bis ich das Wörtchen „schwanger“ auf dem Schwangerschaftstest (ok, um bei der Wahrheit zu bleiben… auf 10 verschiedenen Schwangerschaftstests…) lesen durfte. Und dabei war ich doch die, deren größter Wunsch im Leben es war, Kinder zu kriegen. (Siehe a)

c) daran, dass ich meine eigene Schwangerschaft erst angefangen habe zu genießen, als sie schon so gut wie vorbei war. Die Monate davor regierte einzig und allein die Angst. Angst davor, es nicht zu schaffen. Angst davor, mein Baby zu verlieren. Angst davor, die Freude zuzulassen, aus Angst, wieder verletzt zu werden. Ich hätte nicht mehr die Kraft gehabt, aufzustehen. Als ich dann soweit war, dass Tiffy als Frühchen zu diesem Zeitpunkt gut durchgekommen wäre, entspannte ich mich und hätte noch monatelang weiter schwanger sein können. Aber da stand der Geburtstermin schon so gut wie vor der Tür.

d) daran, dass ich gerne schnell wieder schwanger wäre, aber ja in den Sternen steht, ob ich es jemals wieder werde. Und dass ich ja eigentlich weiß, dass es nie wieder so sein wird wie beim ersten Mal.

e) daran, dass unsere erste Zeit mit Tiffy sehr, sehr holprig war und ich irgendwie das Gefühl habe, etwas „verpasst“ zu haben. Trotz der sehr intensiven Nähe, die uns beide durch die anfänglichen Probleme geholfen hat und heute noch verbindet.

Vielleicht bin ich aber auch nur eine missgünstige, alte Ziege, die niemandem auf dieser Welt auch nur ein Fünkchen Glück gönnt und alles Schöne dieser Welt lediglich für sich selbst beanspruchen möchte. MECKMECKMECK.

 

PS: Oops hat mir gerade ein Foto von sich gesendet. Im 8. Monat ist sie rank und schlank wie eh und je und nur eine wunderschön geformte Kugel ziert ihren makellosen Körper. OOOOOOOOOOOOOHMMMMMMMMM.

Vom Nullen und Erinnern…

Vom Nullen und Erinnern…

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Am vergangenen Wochenende habe ich genullt.

Forever 29. Und bitteschön ohne A-Z.

Äußerlich konnte mir der ganze Trubel rein gar nichts anhaben.
Was sind schon Zahlen?

Und hey, man ist doch immer nur so alt, wie man sich fühlt, oder?
Ich bin Foreeeeeeeever Young und hüpfe vor meinem inneren Augen in pastellfarbener Unterwäsche, faltenfrei und mit einer ziemlich straffen Bauchdecke auf einem XXL-Futonbett.

Innerlich ist dieses Wochenende aber ein kleiner Hurrikane durchgefegt.
Und obwohl (oder besser gesagt: TROTZDEM) mir die Worte meines 14-jährigens ICHs noch in den Ohren nachhallten („Mit 30 erschieße ich mich!“) –  griff ich an diesem Morgen weder zur Kaliber 38 sondern beherzt zu Still BH und Bauch-Weg-Hose.

Die Augenringe notdürftig überschminkt und die Haare zu einem Babyfingersicheren Knoten drapiert, bekomme ich eine klitzekleine Sinnkrise.
Ich finde nämlich, 30 Jahre sind eine ziemlich lange Zeit und ich komme mir keineswegs so vor, als wäre ich wirklich schon SO lange auf dieser Welt.

War ich nicht gerade noch ein Kind, dass nackig im Garten durch den Rasensprenger gelaufen ist?
Mit pinkem Fahrradhelm das erste Mal allein zur Schule gefahren ist?
Wo ist das Kind, dass so gerne „Bunte Tüten“ für eine Mark (deren Inhalt immer ein bisschen nach der Papiertüte geschmeckt hat…) am Kiosk gekauft hat, geblieben?
Wie konnte es so schnell die Schule beenden, eine Ausbildung machen, die erste Liebe und den weltgrößten Liebeskummer erleben, zu Hause ausziehen, heiraten und selber ein Kind bekommen?
Das alles in nur 30 Jahren???

Habe ich überhaupt jede Minute genossen?

Würde ich wieder alles genauso machen?

Das waren ein paar der wirren Gedanken, die in meinem Kopf rumspukten.

 

Dann warf ich ein Blick auf mein Baby.
Mein klitzekleines Baby, was gerade noch in Kleidergröße 50 versunken ist und das so zerbrechlich war.

Mein Baby, dass jetzt propper im Hemdchen und (um es mit den Worten unseres Kinderarztes zu beschreiben….) „wohlgenährt“ vor mir liegt und sich kaputtlacht über ihre „Da-da-da“’s und ihre Erfolge, sich durch die Gegend zu rollen.

….Ich frage mich, wo die letzten 7 Monate geblieben sind.

Und dann muss ich mir verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel wischen, weil die Zeit viel zu schnell verrinnt und ich sie so gerne für einen Moment anhalten würde.

 

… Also echt, liebe 14-jährige Düse.. zum Erschießen bin ich ja wohl noch wirklich viel zu jung.
Forever Young.