Geburtsbericht.

Geburtsbericht.

(Tiffy; geplante Sectio wegen BEL und Unterversorgung)

 

30.09.2013

Ich habe schlecht geschlafen.
Eigentlich so gut wie gar nicht.
Der Wecker klingelt um 05:00 Uhr; Herr Düse geht duschen.
Ich kann keine Sekunde mehr schlafen.
Ich streichele über meinen Bauch und spüre Dich in mir strampeln.
Ich liege im Dunklen und genieße es, ein letztes Mal mit Dir alleine zu sein.
Du bist mir so unglaublich nah.

Ob Du wohl weißt, dass heute Dein großer Tag gekommen ist?!
Spürst Du eine Veränderung?
Das ganze Wochenende warst Du so aktiv, als ob Du mir sagen wolltest: Mama, ich weiß, dass ich bald bei Dir bin.
Heute Morgen gibt es in diesen paar Minuten ein letztes Mal Dich & mich.
Ich glaube, ich weine ein bisschen.

Ich gehe duschen, föhne mir die Haare; alles zum letzten Mal bewusst.
Auch wenn ich am liebsten die Zeit für immer anhalten würde, ist es dann soweit. Wir müssen los.
Ich gehe durch die Tür und scheiße mir beinahe vor Angst in die Hose.
Als wer werde ich wiederkommen?
Was erwartet mich?
Wie wird es Dir ergehen?
Bist Du gesund?
Werde ich auf dem OP-Tisch sterben?
Wie ist es, Mama zu sein?
Werde ich Dich auf der Stelle lieben?
Werde ich Schmerzen haben?

Herr Düse muss nochmal zurückfahren & gucken, ob die Haustür WIRKLICH abgeschlossen ist.
Ich könnte es nicht ertragen, mit dem Gedanken, ob auch wirklich alles abgeschlossen/ausgeschaltet ist, auf dem OP Tisch zu liegen.

Er kommt wieder.
Die Tür war abgeschlossen.

Natürlich war sie das.

Ich fühle mich trotzdem weder bereit noch befreit.
Wir fahren los.
Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, wird es mir „egaler“ ob unsere Wohnung ausbrennt/ausgeräumt/wasweissichwas wird.
Ich habe einfach nur Angst.
Eigentlich fühle ich mich nicht bereit.
Ich trage heute ein letztes Mal mein „Vegas“ Umstandsshirt.
Die ganze Autofahrt über streichele ich meinen Bauch.

Maus, heute ist Dein großer Tag.

Der einzige Grund, warum ich noch nicht völlig durchgedreht bin ist, dass ich weiß, dass es das Beste für Dich ist.
Ich habe die Verantwortung für Dich.
Deine Mama ist stark für Dich.

Wir kommen im Krankenhaus an.
Das Parkhaus ist so gut wie leer.
Ich atme tief durch und gehe rein.
An der Anmeldung gebe ich meinen Zettel ab; die vorstationäre Aufnahme haben wir ja schon am Freitag gemacht.
Die Frau am Empfang wünscht mir noch alles Gute.
Ich laufe den Gang entlang zu den Aufzügen.
Herr Düse ist immer an meiner Seite und versucht mich zu beruhigen.
Trotzdem fühle ich mich mutterseelenallein.

Oben angekommen werde ich auf einmal ruhig.
Die Betten vor dem Kreissaal, der Geruch nach Krankenhaus… all das macht mir gerade irgendwie gar nichts aus.
Letzte Woche noch musste ich mich beinahe übergeben beim bloßen Anblick eines leeren Krankenhausbettes.

Ich atme nochmal tief durch und drücke auf die Kreißsaal-Klingel.
Eine Hebamme öffnet uns, ich stelle mich vor und wir werden ins Wartezimmer gebracht.
Ich lese irgendeinen Flyer; ich habe Durst.
Ich bekomme SMS von Mama und einer Freundin.
Sie denken an uns.
Sie haben Kerzen für uns angezündet.
Es beruhigt mich ungemein, dass an mich gedacht wird.
So kann ich immer an die brennenden Kerzen denken, wenn ich das Gefühl habe, dass mir die Luft wegbleibt.

Irgendwann steht eine Ärztin mit Blut an ihrer OP-Kleidung in der Tür, sie hat einen Fleecepulli drüber und sieht total übernächtigt aus.
Sie sagt, sie ist von der Nachtschicht (Echt? Hätte ich niemals mit gerechnet!!) und will einmal kurz im Ultraschall gucken, ob Du noch in BEL liegst.
Irgendwie wird mir erst zum Schluss klar, dass das das letzte Mal war, dass ich Dich im Ultraschall gesehen habe.
Du liegst noch in BEL… und irgendwie bin ich auf merkwürdige Art & Weise erleichtert darüber.
Du wirst also wahrhaftig, wirklich gleich geboren!!!

Ich wische mir ein letztes Mal das Ultraschallgel vom Bauch, ächze mich von der Liege und wir treffen auf dem Flur auf ein Pärchen am Wehen veratmen.
Das machen sie anscheinend schon länger.
So wie die aussehen mindestens seit gestern Abend.
Puuuuuh. Neeee.
Ich gehe nochmal aufs Klo (Mein letztes Mal!!!) und dann geht es in „unseren Kreißsaal“.
Ich freue mich, dass wir einen eigenen Kreißsaal haben… nach der Diagnose Kaiserschnitt dachte ich, unser kurzes Tête á Tête auf dem Infoabend wäre das erste und einzige Mal gewesen.
Das wäre echt schade gewesen, wenn man bedenkt, dass die Optik und Funktionalität der Kreißsäle ein nicht unwesentliches Entscheidungskriterium bei der Wahl unserer Klinik waren.
Wir haben sogar einen mit Fenster. Ha!

Ich muss die Thrombosestrümpfe anziehen.
Ein Ding der Unmöglichkeit.
Herr Düse schießt mich mit rein.
Hot, Hot, Hot!

Dann geht’s ans Eingemachte.
Ich steige ein letztes Mal aus meinen restlichen Umstandsklamotten; ich fühle mich, als würde ich mein altes Leben abstreifen.
Dann steige ich in mein neues, unwirkliches Leben – in Form eines OP-Hemdchens und eines Netzschlüppis.
Die Hebamme, die mittlerweile gekommen ist, sagt: “Frau Düse, legen Sie sich ruhig schon in ihr Bett.“
MEIN BETT.
Ouargh.
Ein Krankenhausbett; MEIN Krankenhausbett; DAS Krankenhausbett, in dem ich mit MEINEM Baby liegen werde.
Ich habe Angst.
Ich will nach Hause.
Wir schreiben noch ein CTG.
Ein letztes Mal.
Wir sprechen nicht viel.
Irgendwie ist das alles sehr unwirklich.
Wir lauschen Deinem Herzschlag; sehen, wie Du strampelst; ich spüre Dich.
Ich streichele dein Köpfchen, das sich direkt unter meinem Rippenbogen befindet; dein kleines, zartes Köpfchen.
Das alles in der Gewissheit, dass das alles gleich der Vergangenheit angehört und wir dich endlich kennenlernen dürfen.
Wir fotografieren den CTG-Streifen noch und nehmen Deinen Herzschlag auf.

Ich möchte am liebsten die Zeit für immer anhalten; möchte diese letzten, kostbaren Minuten tief einsaugen und niemals vergehen lassen.
Jede Faser in meinem Körper sehnt sich und schreit nach genau dieser Veränderung und doch sträubt sich alles in mir dagegen.
Ich bin kein Typ für Abschiede.
Bei Abschieden muss ich immer weinen.
Und da der heutige Abschied ja eigentlich gar kein Richtiger ist, will ich nicht weinen.
Ich versuche, Dich zu beruhigen (oder doch eher mich?!).
Dich darauf vorzubereiten, dass Du gleich aus der warmen Höhle „gerissen“ wirst.
Ich flüstere es Dir mental ins Ohr.
Das sind die letzten Minuten, die nur uns gehören, mein Kind.
Ich werde sie niemals vergessen.

Irgendwann werde ich nervös.
Der OP-Termin war für 08:00 Uhr angesetzt. Es ist 07:50 Uhr.
Ich bin so heilfroh, dass wir „hier oben“ in den OP dürfen.
„Hier“ ist nicht so weit weg; „Hier“ kenne ich; vor „Hier“ brauche ich nicht so viel Angst zu haben.
Wir haben der diensthabenden Hebamme vorhin unseren Geburtsplan in die Hand gedrückt – in der Hoffnung, dass unsere Wünsche wenigstens halbwegs umgesetzt werden.
Sie war sehr nett, hat sich alles durchgelesen und genickt.
„Das machen wir“, hat sie gesagt, „vorausgesetzt dem Kind geht es gut…“.
Ach neeeeee.
Trotzdem bin ich erleichtert.
Und dann, mit einem Lächeln auf den Lippen, als ob das nur eine klitzekleine Nebensächlichkeit wäre…:
„Bei manchen wirkt die Spinale ja nicht, dann machen wir halt eine Vollnarkose….“
Ich unterdrücke die in mir aufsteigende Panik und beschließe, mir darum keine Sorgen zu machen…
Bei mir wirkt die Spinale.
Punkt.

Irgendwann kommt sie wieder rein & dann geht alles ganz schnell.
„So, dann gehen wir mal langsam rüber!“
Ich werde vom CTG abgestöpselt und mit meinem Bett in Bewegung gesetzt.
Ich hätte gerne noch einen Kuss, eine Berührung von Herrn Düse, aber irgendwie geht das unter.
„Wir sehen uns gleich im OP.“
Das waren also unsere letzten Momente in Zweisamkeit.

Ich werde von der Hebamme und der Anästhesistin über den Flur geschoben.
Mir ist sowas ja immer unangenehm; ich würde am liebsten aussteigen und mein Bett selber in den OP schieben… ich bin doch schließlich nicht krank!?
Die Anästhesistin redet noch über die Heparin Spritzen mit mir.
Jede Faser meines Körpers ist angespannt.
Im OP angekommen bewundere ich erstmal den Shabby-Chic und muss dann von meinem Bett auf die OP-Liege krabbeln.
(Ach ja, und DABEI hilft mir jetzt keiner!???)
Es wuseln 1000 Leute um mich rum; ich bin völlig überfordert.

Gott sei Dank ist sie da… die Anästhesistin.
Die kenne ich.
Die mag ich.
Ihr Anblick & ihre Ausstrahlung beruhigen mich total.
Schwester Claudia (ich nehme an, sie ist Anästhesieschwester/-pflegerin oder wie auch immer sich das schimpft…) legt mir dann einen Zugang in die linke Hand und einen in die Armbeuge.
Der an meiner Hand wird direkt an einen Tropf angeschlossen.
„Hier bekommen Sie das Getränk, wir hatten das am Freitag besprochen, erinnern Sie sich…?“
Ähm.. kann sein.
Muss aber nicht.
Freitag ist unendlich weit weg.
Ich kann mich nicht erinnern.
Ich nicke aber trotzdem.

Nach ein paar Sekunden fängt es höllisch an zu brennen.
Auf meine Nachfrage, ob das „so muss“ ernte ich ein „Scheiße, die Hand ist ja schon ganz dick!“
Ähm… ja.
Ich werde kurz panisch und beschließe, einfach die Augen zuzumachen und alle machen zu lassen.
Die Braunüle wird mir wieder gezogen und den nächsten Anlauf nimmt die Anästhesistin selbst in die Hand.
Zack, eine neue Braunüle in die linke Hand – jetzt allerdings außen am Handgelenk.
Dieses Mal brennt nichts.
Gott sei Dank.
Dann gibt es an den rechten Arm noch das verhasste Blutdruckmessgerät, was während der gesamten OP-Zeit alle 2 Minuten meinen Blutdruck misst und an den linken Zeigefinger diesen Puls-/Sauerstoffsättigungsclip.
Ich hänge wie eine Marionette an lauter Kabeln & Schläuchen.
Dann gerät alles ein bisschen ins Stocken… der Arzt ist noch nicht da.

Zwischenzeitlich wuseln 1000 neue Leute um mich herum, stellen sich vor und hasten von links nach rechts.
Ich versuche, meinen Blick von den Instrumententischen rechts neben mir abzuwenden und betrachte lange & ausgiebig das dicke Heizungsrohr vor mir.
Der Arzt scheint ein sympathischer Typ zu sein, denn die anderen werden schon leicht gereizt und sagen:
„Ruft ihn an. Und sagt ihm, er soll JETZT kommen.“

Ich beschließe, ihn jetzt schon zu mögen.

Anscheinend ist er nicht mehr weit weg, denn wir können jetzt die Spinale legen.
Ich muss wie im Fernsehen auf meiner Liege ganz nach vorne rutschen und den typischen „Buckel“ machen.
Dann tastet sie nochmal meine Wirbel ab.
Danach wird Jod auf meinen Rücken gepinselt.
Schwester Claudia (warum habe ich mir DEN NAMEN gemerkt!???) hält mich; ich stütze mich auf ihr ab.
Die Anästhesistin erklärt mir genau was sie macht, aber irgendwie nehme ich das gar nicht richtig wahr.
Mir wird schlecht, ich bekomme Schweißausbrüche.
Ich traue mich aber erst nicht, was zu sagen, weil ich das Gefühl habe, sie haben außer der örtlichen Betäubung noch gar nichts gemacht.
Ich hänge also an Schwester Claudia und versuche, mich auf meine Atmung zu konzentrieren.
Das funktioniert aber nicht wirklich.
Kurz bevor ich das Gefühl habe, auf der Stelle in ihren Schoss zu kotzen fällt mir ein, dass sie mir im Vorgespräch gesagt hat ich soll sofort sagen, wenn mir schlecht wird.
Das Blutdruckmessgerät braucht nämlich leider etwas länger (im Sinne von… „zu lang“…), um ein Kreislaufproblem zu diagnostizieren.
Der Hund.
Also schnell ein: „Mir ist voll schlecht“ rausgepresst und keine 2 Sekunden später geht’s mir besser.
Keine Ahnung, was sie gemacht hat, aber anscheinend liegt die Spinale schon (Kindergeburtstag. Wirklich wahr!) und gleichzeitig muss irgendein Gottes-Getränk durch meine Adern laufen.

Irgendwie ziemlich zeitgleich merke ich dann, wie meine Füße anfangen, taub zu werden.
Sie kribbeln, als wenn sie mir gerade eingeschlafen wären.
Ich wackele mit meinen Zehen – geht noch.
Witzig.
Dann werde ich sofort hingelegt & die Anästhesistin schwenkt den Tisch von links nach rechts; schräg nach oben, unten… kreuz und quer.
„Wir machen jetzt das mit der Lagerung!“ merkt sie noch an.
I remember.
Schwerkraft.
Wirkung der Spinalen.
Damit die nicht zu weit nach oben steigt.

Sie fängt an, mich mit einem Spray zu besprühen.
„Hier wärmer oder kälter? Wird es hier wärmer oder bleibt es gleich?“
Ich fühle mich wie beim Sehtest beim Augenarzt und habe auch direkt dieselbe Angst davor, zu versagen.
Was, wenn ich das jetzt nicht richtig spüre?
Entweder bin ich dann nicht richtig betäubt und erlebe die OP unter grausamen Schmerzen oder ich bin SO GUT betäubt, dass sie in meine Lungen läuft und ich qualvoll ersticke…
Ich konzentriere mich wie beim Verfassen meiner Abschlussarbeit; warm, kalt, ja, nein, vielleicht.
Das artet ja in Schwerstarbeit aus!

Mit den Worten:
„Sie sollen hier ja nicht die Einzige ohne das schicke Hütchen sein…“ bekomme ich dann auch die OP-Haube auf.
Ich lache und sage „Verdammt!“.
Ich höre das monotone Piepsen meines Pulses auf den Überwachungsgeräten und fühle mich kurzzeitig in den OP bei der Follikelpunktion zurückversetzt.
Nein, das haben wir hier & heute hinter uns gelassen.
Die Anästhesistin fragt mich: „Haben Sie in der Schwangerschaft viel Sport gemacht?“
Ich dachte ernsthaft, sie will mich verarschen.
„Ja“, sage ich, „Ja im Sinne von Nein!“
Sie lacht.
„Sie haben so einen ruhigen Puls; ich kann es gar nicht glauben. Als ob sie das jeden Tag machen würden.“
Äh ja.
Wenn meine Haare nicht schon unter der Haube stecken würden, würde ich mir jetzt eine Strähne aus dem Gesicht pusten wie ein Zirkuspony.
Ich bin die Ruhe selbst.
Hab ich doch schon immer gewusst.

Durch die Bauchpinselei war ich kurzzeitig abgelenkt und habe gar nicht mitbekommen, dass zwischenzeitlich der Sichtschutz aufgebaut wurde.
In meiner Vorstellung (bestärkt durch intensive TV-Recherche) ein kleines, blaues Tuch, über das ich einfach nicht schauen kann, um mir den Anblick auf meinen offenen Bauch und ggf. herausragendes Gedärm zu ersparen.
In der Realität eine Kinoleinwand-Große, abgehängte Fläche, die nicht nur vor, sondern auch noch über meinem Kopf hängt.
Ich bin irritiert.
„Ich sehe ja gar nichts mehr!“
Es wird gelacht.
„Sollen Sie ja auch nicht!“ höre ich von der anderen Seite des Tuches.
Aufgrund des gigantischen Ausmaßes natürlich sehr gedämpft.
Ich bin ein bisschen beleidigt.
Ich hätte gerne wenigstens die Zimmerdecke gesehen.

Auf einmal steht der Arzt neben mir und stellt sich vor.
Ich rieche sofort – der war noch eine rauchen.
Sag ich doch; sympathischer Typ.
Der ist dann wenigstens entspannt beim Operieren.
Ich will noch einen flotten Spruch loslassen, mir fällt aber irgendwie keiner ein.
Er verschwindet hinter dem Pavillon über meinem Bauch.
Ich frage noch einmal mit Nachdruck, ob es normal ist, dass ich meine Zehen noch bewegen kann.
Um meinen Worten die nötige Tiefe zu verleihen, demonstriere ich mein Können auch gleich.
Ich glaube zumindest, es zu demonstrieren.
Kann auch sein, dass ich lediglich mit den Ohren gewackelt habe… ich bin ja schließlich betäubt.
Ich werde beruhigt. „Ja, bei manchen Patienten ist alles bewegungsunfähig und bei manchen geht das noch. Alles gut.“
Na gut.
Ich glaube ihr.
Hinter dem Tuch geht’s langsam zur Sache.
Die zerschneiden mein Netzunterhöschen.
Ich bin empört.
Warum musste ich das dann überhaupt erst anziehen?
Dann wird alles desinfiziert.
Ich spüre, wie mir über den Bauch gestrichen und getupft wird.
Gott sei Dank habe ich ausreichend Bildungsfernsehen geschaut und weiß, dass das jetzt Jod ist. (Nicht auszudenken, was mir ohne diese Information gefehlt hätte. Nicht auszudenken!)
Dann sagt der Arzt: „Jetzt noch den Katheder.“
Ouuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuargh.
Ich hatte ernsthaft zwischenzeitlich gehofft, dass sie das vergessen würden.
Ich überlege nochmal kurz, was passieren würde, wenn ich jetzt einfach aufstehen und weggehen würde.
Leider fällt diese Option ja primär schon mal flach, weil mein Bewegungsapparat ja zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht wirklich unter die Kategorie „Einsatzbereit“ fällt.
Und ich denke nicht, dass wackelnde Zehen reichen, um aufzustehen und zu laufen.
Im Nachhinein sehe ich die folgenden Aktionen durch eine Nebelwand….
Ich glaube, ich habe die Augen ganz fest zugekniffen, erst laut aufgestöhnt und dann versucht, nicht zu hyperventillieren, während die das Ding da unten reingefummelt haben.
Und ich bin nach wie vor felsenfest davon überzeugt, dass ein Teil von mir mit dem Setzen des Teils auf dem OP-Tisch gestorben ist.
Nein, es hat nicht wehgetan.
Ja, ich habe was gemerkt. („Manche Patienten…..“)
Nein, es war wirklich nicht schlimm.
Aber alleine die VORSTELLUNG! …. Nein, nein, nein!!!

Die Anästhesistin fängt wieder mit ihrem Spray an.
Warm, kalt… Bestimmt geht mein Puls jetzt DADURCH in die Höhe.
Anscheinend war irgendeine meiner Antworten zu zögerlich oder zumindest nicht zufriedenstellend (Ich hab‘s gewusst! Versagt, versagt, versagt!!!), denn auf einmal höre ich es von der anderen Seite des „Tuches“: „Merken Sie DAS?!“
Äh… nö. Was genau?
(Hinterher hab ich’s gesehen. Ein feiner Längsschnitt unter dem Bauchnabel. Und obwohl ich das ganz und gar nicht nett finde… NEIN, ich hab nichts gemerkt!!!!)
Danach werde ich wenigstens in Frieden gelassen.
Mit Sprays und Fragerei.

Dann kommt Herr Düse.
Ich grinse ihn an „Du siehst genauso gut aus, wie wir uns das vorgestellt haben.“
Irgendwie blende ich aus, dass noch mindestens 8 weitere Leute im Raum sind.
Herr Düse setzt sich hin und verschwindet aus meinem direkten Blickfeld.
Mangels schöner Aussichten (das blaue Tuch!!!!) schließe ich die Augen.

Die müssen schon längst angefangen haben zu schneiden, denn auf einmal höre ich, wie Flüssigkeit abgesaugt wird.
Oh mein Gott, ist das etwa schon das Fruchtwasser?
Wann haben die denn geschnitten?
Ich habe davon ja gar nichts gemerkt!!!
Ich merke, wie in mir rumgewühlt wird.
Es tut nicht weh; ist aber tierisch unangenehm.
Ich stöhne auf und versuche nicht zu schreien.
Ich habe viel zu viel Angst davor, dass ich auf der Zielgeraden noch eine Vollnarkose verpasst bekomme.
Also halte ich mich zurück, schreie innerlich und konzentriere mich auf meine Atmung, wie meine Hebamme es mir als Tipp mit auf den Weg gegeben hat.
Durch die Nase ein, kurz halten, durch den Mund wieder aus.
Zack, da hat sich der Geburtsvorbereitungskurs schon amortisiert.
Ich höre den Arzt sagen. „Es ist mir egal wer, aber ich brauche gleich jemanden, der das Kind entgegennimmt!“

Oh mein Gott. Es ist also wirklich wahr.

Es ist bis auf das rhythmische Puls-Piepen ganz ruhig im Raum.
Ich spüre nochmal, wie an und in mir gezogen und gerüttelt wird und von einer auf die andere Sekunde ist mein Bauch ganz leicht.
Während ich versuche zu begreifen, was das bedeutet, höre ich von der anderen Seite: „Ein kleines Mädchen…“ und dann den wunderbarsten, lautesten, süßesten, herzzerreißendsten Schrei, den ich jemals gehört habe.
Ich sehe das Gesicht von Herrn Düse über mir. „Düse, sie schreit! Hörst Du das? Sie schreit!“
Ich fange an, zu weinen.
Mein ganzer Körper bebt mit.

Eine Hebamme kommt mit einem Handtuchbündel zu mir.
Ich sehe aus dem Augenwinkel erst einen kleinen Körper, an dem noch die Nabelschnur herunterhängt und dann verändert sich mein ganzes Leben in einer Millisekunde.
Ich blicke in die schönsten, weitaufgerissendsten, dunklen Augen, die ich jemals gesehen habe.
Sie schauen mich durchdringend an, während eine kleine Faust in dem noch kleineren Mündchen steckt.
Sie wird mir an die Wange gelegt.
Sie ist ganz warm.
Ich bin überwältigt.
Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich so etwas gefühlt wie jetzt.
Ich verliere mich in ihren Augen; habe das Gefühl, ich kann durch sie durchsehen.
Mein Herz wird ganz warm und in genau dieser Sekunde weiß ich, dass ich für sie sterben würde.

Sie schaut mir direkt in die Augen, obwohl ich weiß, dass sie mich noch nicht sehen kann.
Ich sage „Hallo!“ und dann: „Da bist Du ja endlich.“
Sie ist wunderschön.

Dann wird sie ins Nebenzimmer gebracht.
Ich höre nur noch, wie Herr Düse sagt: „Sie ist so süß! Und sie hat geschrien – hast Du das gehört?“
Ich antworte nicht.
Ich weine.
Es sind Tränen der Erleichterung, Tränen der unendlichen Freude.
Ich denke, dass ist Antwort genug.

Die Anästhesistin beugt sich über mich. „Herzlichen Glückwunsch!“ sagt sie. „Darf ich jetzt als erste wissen wie sie heißt?“
Ich grinse Herrn Düse an.
Er grinst zurück.
„Sag Du.“
Ich gucke in den meinen künstlichen, blauen Horizont.
„Tiffy“, sage ich. „Tiffy.“

Dann werde ich gefragt, ob Herr Düse „entführt“ werden darf.
Natürlich darf er.
Ich bin überflutet vor Glück; nehme eigentlich gar nichts mehr wahr.
Ich weiß noch, dass ich meinen Kopf zur Seite gerollt und wieder laut geweint habe.
Was ja eigentlich sonst NIE meine Art ist.
Irgendwer (ich vermute ja die Anästhesistin, das Goldstück) lenkt mich ab.
Ich glaube sie erzählt mir nochmal, wie süß Tiffy ist.
Und wie laut sie geschrien hat.
Als könnte ich das jemals vergessen.

Zwischenzeitlich höre ich wieder den Sauger.
Aha, das muss jetzt die Ausschabung sein.
Es geht doch nichts über gutes Background – Wissen.
Dann sagt jemand hinter dem Tuch: „Der Uterus sieht schön aus!“
Ich grinse.
„Na das hört man doch gerne!“
Gelächter auf beiden Seiten des Vorhanges; gefolgt von „Die Patientin hört aber auch alles!“
Die Anästhesistin erklärt mir, dass damit beurteilt wird, wie gut er sich wieder zusammenzieht.
(Warum habe ich genau DAS behalten!??)

Ich schaue mich in meinem schmalen Radius um.
Ich sehe die Infusionsbeutel an dem Ständer hängen und bewundere sie apathisch.
Tropfen für Tropfen sehe ich fallen.
Die Anästhesistin kennt das anscheinend schon und wirft gleich ein:
„Da läuft jetzt ein Breitband-Antibiotikum durch. Das geben wir standardmässig bei OP’s.“
Ich bin beruhigt.
Somit ist die Chance einer Blasenentzündung durch den schxxx Katheder schon mal gesunken.
Und nen Pilz krieg ich auch nicht.
Gott sei Dank habe ich da hingeschaut.
Sonst wäre diese Information vielleicht niemals bei mir angekommen & ich hätte mit Sicherheit eine Pseudo-Blasenentzündung bekommen.
Mindestens.

Dann müssen wir noch über irgendetwas anderes geredet haben, denn ich habe gelacht.
In meinem hormonellen Ausnahmezustand verging die Zeit rasend schnell; ich habe alles wie in Watte gepackt gesehen, gehört, gefühlt.
Die hätten mir ein Bein amputieren können… ich hätte seelig gelächelt.
Komischerweise habe ich mir keine Sekunde Sorgen um Tiffy gemacht; lediglich ihr Gesicht habe ich die ganze Zeit vor mir gesehen und ich hatte das schmerzliche Gefühl, kaum dass ich sie 10 Sekunden kannte, dass ein Teil von mir fehlt.
Ich lachte also laut & herzlich über irgendwen oder irgendwas im Gespräch mit der Anästhesistin – ich war wie beflügelt und hätte die ganze Welt umarmen können.
Ich lachte und lachte bis ich von der anderen Seite des Vorhangs hörte: „Könnte die Patientin mal aufhören zu lachen? Ich kann sie gar nicht richtig zunähen!“
Ich guckte die Anästhesistin verschwörerisch an und drehe mit den Augen – woraufhin ich direkt wieder lachen muss.
Spielverderber.

Dann ist auf einmal Herr Düse wieder da.
Ganz vorsichtig kommt er mit einem großen Handtuchbündel im Arm und setzt sich auf den Hocker links neben meinen Kopf.
Einer der weiblichen grünen Männchen sagt: „Das muss er noch üben!“
Ich will sagen: „Gar nichts muss er üben; er macht das perfekt!“ – Ich sage nichts und grinse doof.
Ich grinse in das schönste Handtuchbündel der Welt… Meine kleine Tochter!
Sie trägt jetzt eine Mütze, damit sie ihre Temperatur besser halten kann und (wie Herr Düse mich später aufklärt) eine Pampers.

Und wieder guckt sie mich durchdringend mit ihren großen, dunklen Augen an, während sie bedächtig an ihrer Hand saugt.
Herr Düse sagt: „Das gibt’s doch nicht! Guck mal, sie saugt!“
Ich grinse immer noch.

Erst da kommt mir die Idee, nach ihrem Gewicht zu fragen, dass ja bis zum Schluss für Furore gesorgt hat.
Für mich ist irgendwie klar, dass es da kein Problem gibt.
Und genauso ist es.
2640g und 50cm, 32cm Kopfumfang; es geht ihr super, sie ist topfit!
Sie darf also bei uns bleiben.
Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Ich will sie wieder angucken, leider hat Herr Düse sich weiter nach hinten gebeugt, so dass ich nur auf die Handtücher gucke.
Mir fehlen aber irgendwie die benötigten 3 Gehirnzellen um ihn zu bitten, weiter nach vorne zu rücken – also lächele ich seelig die Handtücher an.

Irgendwann kommt die Anästhesistin dann auf die Idee, meine Hand loszuschnallen.
Hätte glatt von mir kommen können.
Steht auch so auf meinem Geburtsplan – hab ich nur schon lange wieder vergessen.
Ich streichele ganz vorsichtig ihr Gesicht, sie ist so unglaublich weich.
Meine Finger sehen neben ihr riesig aus.
Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas Schöneres gesehen als unsere kleine Tochter.

Ich muss noch eine ganze Weile so glückselig dagelegen haben, denn ich war schon fast fertig vernäht, wie ich durch den Vorhang mitbekam.
Zu dem Zeitpunkt fällt mir auch erst auf, dass der selbige voller Blutspritzer ist.
Komisches Gefühl… mein EIGENES Blut!

Als sie beim Nähen der letzten Hautschicht angekommen sind, soll Herr Düse dann schon mal mit der Kleinen in den Kreißsaal „vorgehen“ – komischerweise macht mir das gar nichts aus.
Im Vorfeld wollte ich ja keine Sekunde von meiner Kleinen getrennt sein.
Aber irgendwas beruhigt mich; ich weiß ich bin gleich wieder bei ihr.
Ich weiß, ich bin gleich von diesem OP-Tisch runter.
Ich weiß das erste Mal seit Beginn der Schwangerschaft wieder, dass alles gut wird.
Ich weiß, dass mein neues Leben gerade angefangen hat.
Irgendwie bin ich auch gerade geboren.
Durch unsere Tochter.

Auch der letzte Rest des Nähens vergeht wie im Flug.
Irgendwann wird mir die erste Braunüle (in der Armbeuge) wieder gezogen, der Sauerstoffsättigungsclip vom Finger gemacht und die Blutdruckmanschette abgemacht.
(In dem Moment erinnere ich mich an mein „Aufstöhnen“ im Vorgespräch über das „alle 2 Minuten Blutdruck messen“… Irgendwie habe ich das insgesamt nur 2 Mal wahrgenommen…)
Wie von Geisterhand ist dann auch das Tuch vor meinem Gesicht verschwunden und ich kann das erste Mal sehen, wie viele grüne Menschen hinter dem Vorhang werkeln.
Wow.
Unter anderem ein junger Typ (keine Ahnung was er war.. Ich weiß nur eins: 100% schwul!), den ich nur anschaue und die Chemie auf Anhieb stimmt.
Wir witzeln ein bisschen rum, bis jemand sagt: „ Jetzt geht es zurück in ihr Bett!“ – und ich frage mich ein paar Sekunden ERNSTHAFT, wie ich das jetzt alleine schaffen soll.
Die Narkose, die Narkose.

Mit einer Matte werde ich dann („Jetzt mal leicht den Po anheben…“) in das Bett gehoben.
Ich bin kurz davor, mich für mein Gewicht zu entschuldigen, da fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
Ich bin ja jetzt nicht mehr schwanger und somit auch gar nicht mehr schwer.
Ich bin jetzt sozusagen leicht.
Elfengleich.
Das mit dem rüberheben muss also ein Klacks gewesen sein.

Kaum liege ich, geht auch schon das Gewusel um mich herum los… Soweit ich das in meinem Zustand beurteilen kann, findet im Zentral-OP gerade eine außerplanmäßige Sectio statt, zu der jetzt alle müssen. (Das sind dann wohl die armen Schweine, die wir um 06:30 Uhr wehenveratmend auf dem Kreißsaalflur getroffen haben…)

Dann werde ich aus dem OP geschoben.
Ich werde rausgeschoben auf den Gang im Kreißsaal, den ich in meinem alten Leben als „Nicht-Mama“ schon so oft entlanggelaufen bin.
Ich lächele.
Vorbei an der Theke der Hebammen, vorbei am WC… rein in den Kreißsaal, in dem ich 1 Stunde zuvor noch Deinen Herztönen gelauscht habe.
Da sitzt Herr Düse.
Mit einem Handtuchbündel.
Unserem Handtuchbündel.
Er steht auf und kommt zu mir.
Ich spüre keine Schmerzen.
Alle Probleme der letzten Monate sind nicht mehr existent.
Mein ganzer Körper kribbelt und ich fühle mich, als würde ich fliegen.
Die Welt steht einen Moment still; es gibt nur Dich und mich, ganz alleine.
2 klopfende Herzen, 2 unendlich liebende Seelen.
Der Moment, in dem Du in meinen Arm kommst.
Ich und Du.
2 neugeborene Menschen.

Und in diesem Moment weiß ich, dass ich mein Leben lang nur auf Dich gewartet habe.

Mein Kind.

Bild: Pixabay.com

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Ein Gedanke zu „Geburtsbericht.

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